Die Entscheidung
(Eine Geschichte von Jochen Mariss über Beziehungs-Entwicklungen
und daraus resultierenden Entscheidungen.)
Jablonsky war einmal verheiratet gewesen. Zentralheizung, Schäferhund, Vorgarten. Keine Kinder. Aber das ist sicher lange her. Sehr lange. Jablonsky spricht nicht darüber. Nie. Sie sollen sich gut verstanden haben. Sagt man.
Vielleicht hat sie leise vor sich hin gesummt, wenn sie in der Küche hantierte. Jablonsky mochte das. Vermutlich liebte er die gemeinsamen Spaziergänge, auf denen sie oft stehenblieb und ausrief: "Wie das duftet!"
Warum Jablonsky gegangen ist, weiß eigentlich niemand so genau. Ich stelle mir vor, wie die beiden abends zusammensaßen und seine Frau immer wieder von ihm verlangte: "Sag doch was!". Das mochte Jablonsky nicht. Wie sie ihn bei Tisch bedrängte: "Nun iss doch noch!". Vielleicht wollte sie Kinder. Jablonsky wollte keine Kinder. Er hatte Angst vor Kindern. Zumindest vor eigenen. Womöglich wollte sie jedesmal wissen, wohin er ging. Und wie lange. Und sie wartete schon, wenn er zurückkam. Jablonsky gefiel das nicht. Vielleicht wollte sie immerzu mit ihm ins Theater. Oder in der Sonne sitzen. Oder Reisen machen. Wer will heute so genau sagen, woran es lag?

Ich vermute, dass seine Frau irgendwann nicht mehr leise vor sich hin summte, wenn sie in der Küche hantierte. Jedenfalls rief sie bestimmt nicht mehr "OH, wie das duftet!" auf den gemeinsamen Spaziergängen. Und später gab es keine gemeinsamen Spaziergänge mehr.
Das einzige, was ich sicher weiß, ist Folgendes: Jablonsky fand eines Morgens einen Zettel auf dem Küchentisch. Darauf stand geschrieben: "Eier, Nudeln, Gemüse, Brot, Salzletten". Er packte seinen alten Seesack, strich das Wort Salzletten und ging.
© Jochen Mariss, www.jochenmariss.de
Ich bin bereit, Entscheidungen zu treffen, wenn sie reif sind.



